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ALiCe

Seit ich diesen Film von Quentin Tarantino gesehen habe- Kill Bill- habe ich immer diese unbestimmte Angst wenn ich eine Straße entlanggehe. Es klingt jetzt sicher albern. Es ist ja auch nicht direkt eine Angst. Einfach nur eine leichte Beklemmung: Was wenn es wirklich diesen Fünf- Schritte- Herz-Explosionsschlag gibt? Was wenn eines Tages ein unauffälliger Herr in einem grauen Anzug oder ein junges Mädchen mit Moonboots schnell auf mich zukommt, kurz innehält, mich ansieht und dann- ZACKZACKZACKZACKZACK- lächelt und einfach weitergeht, als wäre nichts passiert, und es ist ja auch nichts passiert, nur eine Sekunde in seinem/ihrem Leben, wie schnell so was geht.

Aber in dieser einen Sekunde ist meine Zeit gefroren. Ich würde dann also da stehen. Erstarrt. Vor Angst. Und in dem Wissen dass das was da gerade passiert ist nicht richtig war, dass so etwas nicht passieren kann. Ich wüsste dass ich noch genau fünf Schritte zu gehen habe, dann explodiert mein Herz und dann...war’s das. Weg mit Alice. Wumms. Was macht es für ein Geräusch wenn dein Herz explodiert? Was ist das letzte was man sieht?

Ich würde mich umdrehen und meine Augen würden die überfüllte Straße absuchen, aber die rätselhafte Person wäre schon längst von diesem scheußlichen Menschenklumpen verschluckt worden, der mir jetzt so flach und irgendwie...unreal erscheint. Ich würde versuchen logisch zu denken, das war doch bloß Einbildung, so etwas gibt es nicht, lachhaft, Mut, Mädchen!

Ich würde mich kurz am Rande des Wahnsinns bewegen. Um mich rum wären hundertundzwei Menschen, aber keiner hat etwas gesehen, niemand sieht mich an, niemand sieht irgendetwas alle eilen weiter, nach links und nach rechts, zur Arbeit und nach Hause. Ihre Köpfe sind voll von der Arbeit, den steigenden Preisen für Milch und davon was sie gleich zu Abend essen werden. Denn deren Zeit ist ja nicht gefroren. Alles ist okay. Wenn etwas passiert wäre, hätte sich doch irgendwas verändert? Also ist nichts passiert. Ich habe es mir nur eingebildet. Und das würde ich murmeln während ich langsam den ersten Schritt gehen würde und trotz allem zittere, weil in meinem Kopf ein kleines „Was wäre wenn...?“überlebt hat.

Ich gehe einen Schritt.

Nichts passiert. Ich atme ein. Ich atme aus. Mein Rucksack ist so schwer und ich frage mich ob jetzt nicht eigentlich mein komplettes Leben in einer Art superschnellem Film an mir vorbeilaufen sollte. Ich warte. Nichts passiert. Vielleicht würde ich dann den zweiten Schritt gehen.

Ich gehe noch einen Schritt.

Nichts. Natürlich nicht. Lächerlich. Ich werde ein bisschen rot, aber das merkt keiner. Im Grunde muss ich jetzt auch bald mal bei dem Haus angekommen sein, mein Rucksack ist echt ziemlich schwer und wenn ich nicht bald irgendwo ausruhen kann explodiere ich. Argh.

Was wenn ich explodiere? Geh noch drei Schritte und dann weißt du es.

Noch ein Schritt.

Unsinn. Ich bin so was von doof. Ich bin schon seit acht Stunden Unterwegs, Bus, Zug, jetzt in dieser Scheißgeschäftsstraße ein Scheißaltbauhaus suchen und mich dabei von einem Scheißtagtraum total aus dem Konzept bringen lassen.

Noch ein Schritt

Nichts passiert. Und jetzt meine Damen und Herren, tätärätä, ich präsentiere ihnen das dümmste Mädchen der Welt das sich nicht traut einen fünften verdammten Schritt zu machen, obwohl ihr klar ist das alles was sie die letzten siebeneinhalb Minuten gedacht hat Schwachsinn ist, und nichts als Schwachsinn. Ich bin festgewachsen. Ich stehe rum. Ich drehe mir eine Zigarette, (Feigling) ich rauche, (Feigling) ich schaue mir die (Feigling) Straße an die ziemlich breit ist, auf beiden Seiten sind unten in den Häusern (Feigling) Geschäfte, manchmal stehen kleine Zeitungsstände und so was davor (Feigling) und gerade stehe ich schräg vor dem Haus (Feigling) zu dem ich seit acht Stunden unterwegs bin.

Instinktiv mache ich einen Schritt auf den Eingang zu und bleibe wie angewurzelt stehen. Das war Schritt Nummer fünf. Nichts. Ich...

Plötzlich höre ich ein Rascheln, nein es fühlt sich so an als würde ich ein Rascheln hören, es raschelt in mir drinnen, mein Herz explodiert also doch, es war keine Einbildung ich...Ich erschrecke furchtbar.

Ich zucke zusammen und stoße dabei einen freundlichen Japaner an, der schon seit geraumer Zeit im Hauseingang steht und eine Zeitung liest. Heißer Kaffee ergießt sich über uns beide und das schmutzige Pflaster in dem ich jetzt gerne versinken würde, bitte schön, und der freundliche Japaner verwandelt sich plötzlich in einen wütenden alten Kung-Fu-Meister. Er brüllt irgendwas. Ich schaue weiter auf den Boden. Eine hässliche fette Taube raschelt vorbei und guckt mich aus kleinen gemeinen Knopfaugen einmal kurz an –Haha- und hüpft weg. Ich verfluche Tauben. Ich verfluche Tagträume. Ich verfluche mich.

Ich gucke wieder hoch.  Wenn er so mit der Zeitung schwingt sieht der wütende Japaner er doch eher aus wie einer von den Vietnamesen aus diesen scheußlichen Vietnamkriegfilmen. 

Mit einem Auge schiele ich nach der immer kleiner werdenden Taube -ich hätte schwören können sie hat mir gerade eben zugezwinkert- und versuche dann mich, Entschuldigungen murmelnd, an Jackie Chan vorbei zu schieben.

"Schuldigungtutmirechtleidaberichmüsstdamal..."

"!!!!!!" (Ich verstehe kein Wort aber es klingt nach sechs Ausrufezeichen)

"Ich...eh..."

Jackie Chan schüttelt den Kopf und schaut böse. Er muss übrigens zu mir raufschauen und vielleicht bremst ihn das in seiner Wut, jedenfalls begnügt er sich jetzt damit mit der Hand vor meinem Gesicht herumzuwedeln und mir dann- JackieChanmäßig- mit den Fingerknöcheln zwischen die Augen zu klopfen. Au. Ich glaube er hält mich für dumm.

Es ist ganz schön mal für dumm gehalten zu werden. Dann wendet er sich schimpfend ab um ein paar Kunden zu bedienen. Oh. Mist, wenn ihm dieser Zeitungsstand gehört dann muss ich jetzt jedes Mal an ihm vorbei wenn ich dieses Haus verlassen möchte. Ich seufze. Schön. Schön schön schön. Was soll’s.  Ich schaue noch einmal misstrauisch die Straße rauf und runter ob nicht vielleicht die japanische Mafia um die Ecke gebogen kommt um mich zu holen, oder sich irgendwo raschelnde Tauben nicht wie Tauben verhalten und schließe dann die Tür auf. Sie ist grün gestrichen. Es ist eine hübsche Tür. Das Haus ist aus roten Ziegelsteinen. Auch hübsch.

Das Treppenhaus ist eng, dunkel und riecht nach Kohl. Ich kann nicht ganz erkennen ob das Teppich ist auf dem ich da laufe und versuche das hartnäckige Bild in meinem Kopf, der Boden wäre ein gewaltiges gekochtes Kohlblatt, einfach totzuschlagen.

Ich muss in den ersten Stock, nein stimmt gar nicht, in den zweiten. Aber es ist auch schon ziemlich lange her dass ich das letzte Mal hier war. Treppe. Noch eine Treppe. Tapptapptapp. Aus irgendeinem Grund laufe ich auf Zehenspitzen, so als ob das Haus schläft. Das Haus ist eine dicke alte Dame und sie schläft. Und ich darf sie nicht wecken. Ich unterdrücke ein Kichern und suche den Schlüssel aus meiner Hosentasche.

Mit etwas Beklemmung schließe ich die Tür auf die ebenfalls grün gestrichen ist. Einen Augenblick stehe ich einfach im Flur und nehme die Gerüche in mich auf. Nicht das sich das lohnen würde, es riecht nicht besonders gut, ich muss unbedingt lüften, aber trotzdem. Trotzdem. Ich beschließe die alte Dame zu ärgern und werfe die Tür hinter mir zu dass es kracht. RRUMMS!

Ich lasse meine Tasche fallen. Ganz ohne das Licht anzumachen gehe ich eine Runde durch die drei Zimmer und begnüge mich mit den dünnen Strahlen die durch die heruntergelassenen Jalousien fallen. Die Lichtstrahlen streichen wie ganz dünne Finger über mein Gesicht, während ich schaue was sich verändert hat. Niemand ist hier. Ich habe diese Wohnung ganz für mich alleine, sechs Wochen lang. Mann.

Ich gehe in die Küche. Am Kühlschrank klebt ein Zettel:

 

 

Alice!!

Ich habe den Kühlschrank angelassen weil ich wusste dass du kommst und keine Lust hatte das Teil ganz abzutauen. Wenn du gehst mach ihn bitte komplett aus, der Stecker ist hinter der Anrichte. Viel Spaß oder was auch immer du hier machen willst. Keine Partys!!! Ich merke ALLES!

Bis bald Süße.

Joan

 

Hmmmmmm. Ich schließe die Augen und fühle mich umarmt. Joan ist toll. Sie ist die Schwester von irgendjemandem der mal in unsere Familie eingeheiratet hat oder so, ich habe das nie wirklich verstanden, jedenfalls ist sie meistens da und öfter weg, und wenn sie weg ist kann man bei Bedarf in ihrer Wohnung übernachten, wenn man alles so hinterlässt wie man es vorgefunden hat.

Soweit ich weiß ist sie die kompletten Sommerferien unterwegs um eine spezielle Art von Käfern zu retten die nur in Neuseeland vorkommt, und also dorthin gefahren um in einem Käferrettungscamp zu wohnen und sich wie ein Käfer zu verhalten um die komplette Menschheit auf das Leiden dieses armen Tieres aufmerksam zu machen.

Ich trete an eines der Fenster. Die Jalousie lässt streifenweise Abendsonne durch und schneidet mich damit in viele schmale leuchtende Scheiben.

Draußen auf der Straße geht alles seinen Gang. Die vielen Händler packen so langsam ihren Kram zusammen, es werden weniger Menschen, alles scheint ganz ganz langsam zu gehen. Natürlich schaut nicht ein Einziger zu meinem Fenster hoch, und selbst wenn gäbe es nichts zu sehen, nichts außer einigen heruntergelassenen blöden Jalousien. Das ist ein unangenehmes Gefühl.

In einem Wald den noch nie ein Mensch oder ein Tier betreten hat, fällt ein einzelner Baum um. Niemand sieht es. Niemand hört es. Niemand spürt die Erschütterung. Ist der Baum dann überhaupt umgefallen?

Ich bin hier.

Ich bin... hier.

Später stehe ich im Badezimmer vor dem Spiegel. Ich habe geduscht und meine Sachen unter dem Bett verstaut. Ich habe ein Bild betrachtet dass mich an einen telefonierenden Schinken denken lässt. Unten drunter steht: Die Leichtigkeit des Seins. Von Joan.

Ich weiß nicht was es sein soll. Ich schaue also in den Spiegel. Ich vergleiche meinen Körper mit einem Schinken. Ich winkele ein Bein an, stemme eine Hand in die Hüfte und strecke die andere frontal in die Luft. Superwoman.

Ich mache einen Kussmund und blinzele verführerisch über die Schulter. Doof. Ich bin ein Supermodel. Die 1.5m an der Badewanne entlang sind mein Catwalk. Schritt, Schritt. Drehung. Über die Schulter gucken. Schritt, Schritt.

So geht das nicht. Ich zwinge mich dazu ganz ruhig vor dem Spiegel stehen zu bleiben. Und schaue mich wirklich an. Ich habe irgendwann mal mit einer Freundin eine Kontaktanzeige aufgegeben, nur so zum Spaß und meine Statur als „einen filigranen Schrotthaufen“ beschrieben. Ich fürchte fast ich hatte Recht. Der böse Blick den mir die Spiegel-Alice zuwirft, haut mich um. Alice hinter den Spiegeln. So böse kann ich gucken? Ich ziehe mich ganz schnell wieder an und frage mich flüchtig warum alles was ich heute tue besonders schnell gehen muss. Als auf dem Bahnhof so ein Pärchen vor mir furchtbar langsam die Treppe runterspazierte bin ich total aggressiv geworden. Dabei hatte ich es nicht mal eilig. Diese Frage ist nur eine weitere auf meiner Liste, es bringt nichts sich vor den Fragen zu verstecken, die nächsten sechs Wochen werden KON-FRON-TA-TION meine Liebe. Also:

Ich weiß warum ich hier bin. Ich bin hier um herauszufinden wer ich bin.

Ich bin Alice. Alles andere werde ich in den nächsten sechs Wochen herausfinden. Und irgendwo in dieser Stadt, die für mich bisher aus einem Bahnhof, einer Marktstraße und einem Haus besteht, irgendwo in dieser Stadt die sich gerade zum Schlafen hinlegt und die Augen schließt, irgendwo hier ist mein Vater. Punkt-Nummer-Verdammt-Eins.

Wenn mir einer sagen kann wer ich bin dann sollte es verdammt noch mal der Typ sein der dafür gesorgt hat dass es mich gibt.

Ich habe nicht besonders viele Erinnerungen an ihn. Ich fürchte, alles was ich habe sind fünfzehn Postkarten auf denen jeweils steht „Alles Gute zum Geburtstag, Dein Vater“, bzw. steht auf der letzten „Alles Gute zum 16. Jetzt bist du schon eine junge Frau. Wie die Zeit vergeht... Ich liebe dich. Dein Vater.“

Vorne drauf ist ein Fenster durch das man einen Sternenhimmel sehen kann. Diese Karte hat mich fertig gemacht. Nicht nur dass ich absolut nichts davon verstehe, ich meine, warum sollte es ihn kümmern dass ich eine junge Frau bin, und warum liebt er mich plötzlich wo er doch nicht da war, blah blah, diese Rede kennt man von anderen vaterlos aufgewachsenen Kindern, nein was wirklich seltsam war, war dass die Schrift total zitterig ist, und nicht nur das, ganz unten Links ist dieser Fleck. Er ist wellig und ganz leicht gelb. Und irgendwas, eine leise Stimme in meinem Kopf, die mich ein wenig zu bemitleiden scheint flüstert mir dass das kein Regentropfen ist.

 

Als ich die Karte gelesen habe, war alles anders als sonst. Sonst habe ich jedes Mal an meinem Geburtstag seine Karte zuerst gelesen. Seit meinem neunten Geburtstag habe ich für meine jüngere Schwester jedes Mal ein kleines Theater aufgeführt, ich nenne es den „Tanz um eine zu beweinende Verschwendung von Karton“ und es geht so: Zuerst reiße ich die Augen auf, als ob etwas furchtbar schockierendes auf der Karte stehen würde.

Dann blase ich die Backen auf und beginne zu stottern, normalerweise muss meine Schwester schon dann etwas grinsen. Als nächstes folgt eine dramatische Geste mit der ich die Karte auf den Boden fege und mit lauter Stimme verkünde: „Dieserr Maaaann ist ein... Wicht!“ Dann springe ich von meinem Stuhl und führe eine Art verrückten Indianertanz um das kleine Stück Karton auf, während ich es mit Beschimpfungen und Flüchen bewerfe. Ich hopse, ich schreie, ich spucke, meine Schwester lacht sich tot. Das Finale Grande ist immer ein theatralisches „Ach...“ mit dem ich die Hand auf die Stirn lege, steif wie ein Brett werde und einfach umfalle. Plonk. Ich stehe immer erst wieder auf wenn meine Schwester, die sich in Lachkrämpfen auf dem Boden gewunden hat, mich wieder belebt. Das ist auch immer das gleiche Ritual, sie hält mir ein Stück Kuchen unter die Nase. Dann sage ich „Ohoho! Na das ist es wohl wert“, zwicke sie in die Nase und stehe blitzschnell auf.

Es gab ein furchtbares Drama als ich zwölf wurde und Noelle mir aus Versehen ein Stück Kuchen mit einer Kerze darin unter die Nase hielt, und stolperte. Sie steckte mir die Kerze ins Auge (die zum Glück nicht brannte) und ich verbrachte meinen Geburtstag im Krankenhaus.

Noelle ist sechs Jahre jünger als ich, und ein tolles Kind. Eigentlich sollte sie ein Zwilling werden, aber der Zwilling ist dann gestorben, noch im Mutterbauch und manchmal frage ich mich ob Noelle deshalb so ist wie sie ist. Ganz ganz still, aber intelligent wie nur was. Wenn sie einen mit ihren seltsamen Augen anschaut fühlt man sich fast immer ein wenig unbehaglich. Meine Mutter sagt dann immer „Hör auf fremde Gedanken zu lesen als wären es deine eigenen“, aber ich glaube das bildet sie sich nur ein, weil Noelle ein grünes und ein braunes Auge hat. Mama sagt auch: „Kannst du nicht mal eine Nacht durchschlafen“ und „Komm mal runter aus auf den Boden, das raubt mir den letzten Nerv.“

Ich habe keine Ahnung wer jemals auf die Idee gekommen ist dass „Bodenständig“ ein gutes Wort ist. Ich finde es klingt absolut scheußlich und wie etwas das ich auf keinen Fall sein möchte. Ja, meine Schwester liebe ich meistens so doll dass es wehtut. Bei meiner Mutter bin ich mir nicht so sicher. Ich glaube sie hat Noelle nicht so lieb wie ich sie habe, und ich glaube auch ich habe sie nicht so lieb wie ich Noelle lieb habe. Das ist ein bisschen verwirrend, aber die Wahrheit ist immer verwirrend.

Meiner Mutter sind wir zu kompliziert. Keine von uns beiden war ein Wunschkind, wir haben auch nicht den gleichen Vater. Noelles Vater heißt Matthias und hat vier Jahre mit uns zusammen gewohnt. Er kommt auch jetzt noch oft, und manchmal ist Noelle bei ihm, sie scheinen sich super zu verstehen, aber ich habe sie in meinem ganzen Leben nicht  mehr als drei Sätze reden hören. Noelle sagt sie reden mehr wenn sie allein sind, aber ich kann mir das nur schwer bis gar nicht vorstellen. Die zwei kommunizieren fast nur über Blicke, und sie können stundenlang im Garten hocken, bei Regen, und zuschauen wie die Regenwürmer aus der Erde kriechen und sich bewegen. Und wenn sie reinkommen sagt Mama „Geh sofort in die Wanne Noelle“ und Matthias sagt: „Ich geh dann wohl besser mal.“

Jedenfalls kann ich mir nicht vorstellen dass Matthias und meine Mutter sich jemals geliebt haben. Meine Mutter ist eine vom Leben enttäuschte Frau, die große Träume hatte, und Matthias der Typ der keine Ansprüche stellt, und sich darum über jede Kleinigkeit freuen kann wie über ein kostbares Geschenk. Ganz oft habe ich aber auch überlegt ob das nicht nur gespielt ist, alles. Ich habe wahnsinnige Angst dass er Noelle anfassen könnte, natürlich sage ich das nie, es gab auch nie einen Anlass es zu vermuten, aber ich bin eben misstrauisch. Ich könnte es nicht aushalten wenn einer meiner Schwester etwas tut. Ich würde eine Waffe besorgen, so was kann ich, so was könnte ich, und die Person einfach abknallen. Egal wer. Matthias, meine Mutter, Irgendjemand.

Na ja und an jedem einzelnen meiner Geburtstage hat Noelle so getan als hätte sie nicht gemerkt dass die Karte am Ende des Tages immer verschwunden ist. Und an meinem letzten Geburtstag, also vor zweieinhalb Monaten, als die Karte kam, hat sie auch so getan als wäre alles okay. Als hätte ich jedes Mal wie hypnotisiert auf die Karte gestarrt und meine hand hätte gezittert, als hätte es nie einen „Tanz um eine zu beweinende Verschwendung von Karton“ gegeben. Sie hat einfach ganz schnell das Messer genommen und angefangen den Kuchen zu schneiden, und als meine Mutter etwas fragen wollte, knallte Noelle so laut mit den Kuchentellern dass man überhaupt nichts mehr hören konnte. Und das mit zwölf Jahren. Dieses Mädchen!

 

Ich durchsuche die Schränke in Joans Küche nach etwas zu essen. Diese Frau scheint sich von Idealismus zu ernähren, aber ich fürchte so was macht mich nicht satt. Jetzt habe ich furchtbare Sehnsucht nach meiner Schwester. Um die Stille zu übertönen stampfe ich durch die Küche, auf meiner Suche nach etwas zu Essen und erfinde spontan einen „Ameisen-Choral“ der zu meinen Stampfern passt. Er geht so: „A-mei-sen! Sind auf-Rei-sen! Her mit dem Essen! Sonst werden wir euch fressen! Nah! Nah! Nah!

Das ist so doof. Ich muss lachen. Ich mache doch lieber Musik an. Die Schallplatte ist glänzend schwarz und ein bisschen zerkratzt an den Rändern. Argentinische Rhythmen füllen die Wohnung bis zum Platzen. Mit einem Haufen schwarzhaariger Latina- Frauen tanze ich leidenschaftlich und stolz durch die Küche, ich trage meinen Kopf hoch, Schritt, Schritt, Schritt von links nach rechts, wusch, öffne Schränke und knalle sie gleich wieder zu, suche nach, suche nach, suche nach...

 

5.11.07 20:16
 


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